Kolloidales Silber: Gefährlicher Humbug oder natürliches Heilmittel?

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Courtesy of Kai

Vor einiger Zeit stolperte ich während einer meiner tagtäglichen Podcast Sessions über einen Beitrag zu kolloidalem Silber. Ich muss gestehen, dass ich bis dato noch nie von Nanopartikeln aus Silber (AgNPs) gehört hatte, die in einer Flüssigkeit aufgelöst, als Nahrungsergäzungsmittel bzw. alternative Heilmethode angewandt werden können. Der Gast in dem besagten Podcast war Amerikaner und von dem, was ich so herausgehört hatte, scheint dieses “Silberwasser” ein wahrer Verkaufsschlager in den USA zu sein. Als nebenbei noch erwähnt wurde, dass kolloidales Silber angeblich den Zahnfleischrückgang umkehren soll (Gingivitis), wurde ich endgültig neugierig. Immerhin lautet mein Credo: Great promises call for great proof! Was steckt hinter dem vermeintlichen Heilmittel: Gift oder Wunderkur?

 


 

DISCLAIMER: Wie ihr es von mir gewohnt seid, stelle ich niemals irgendwelche Thesen auf, sondern recherchiere ausschließlich wissenschaftlich publizierte Quellen, die ich online ermittelt habe und fasse auf dieser Basis meine Ergebnisse zusammen. Jegliche gesammelten Informationen werden von mir immer mit den jeweiligen Quellenangaben belegt. Ich bin kein Arzt oder Apotheker und gebe ebenso wenig medizinische Ratschläge. Dies ist ein rein informativer Beitrag. BITTE KONSULTIERT IMMER EUREN HAUSARZT BEVOR IHR IRGENDWELCHE NAHRUNGSERGÄZUNGSMITTEL ODER MEDIKAMENTE EINNEHMT.


 

Was ist kolloidales Silber und welchen medizinischen Ursprung hat es?

Der Gebrauch von Silber in der menschlichen Medizin ist tatsächlich sehr alt und hat eine lange Geschichte hinter sich. Bereits 980 Jahre n.Chr. wurde Silber zum Reinigen von Blut, zur Bekämpfung von Mundgeruch und gegen Herzrasen verwendet. Im Mittelalter benutzte man außerdem Silbernitrat zur Behandlung von Nervenkrankkeiten, wie bsp. Epilepsie und Rückenmarksschwindsucht. In der Zeit vor der Entdeckung von Antibiotika, schien man eine antispetische und astringente Wirkung des Schwermetalls zu bemerken, denn 1897 wurden erstmals Silberfolien auf Wunden appliziert, um Infektionen zu vermeiden. Zusätzlich wurden Nasentropfen, Mittel gegen Erkältung und Syphilis mit Silber versetzt. Seit 1967 ist einprozentiges Silbersulfadiazin in Präparaten für die Heilung von oberflächlichen Brandwunden im Umlauf. Entzündungen, durch Bakterien versursacht, können mittels Silber behandelt werden, da es die Bakterienzellen daran hindert Energie zu produzieren und sich letztendlich auf den menschlichen Organismus auszubreiten. (Quelle: Systemic argyria associated with ingestion of colloidal silver)

Seit der Entdeckung von Penizillin durch Alexander Fleming im Jahr 1928 und dem nachfolgenden Antibiotika-Einsatz, wurde der Gebrauch von Silber zu medizinischen Zwecken immer stärker verdrängt.

Im Internet finden sich derzeit viele Online Shops und Apotheken, die Lösungen versetzt mit ultrafeinen Silbernanopartikeln – also kolloidales Silber- verkaufen. Es ist eindeutig freiverkäuflich. Nicht unerheblich tragen unzählige Gesundheitsportale und Informationswebseiten zu dem Hype um das “neuentdeckte alte” Heilmittel bei. So überschlagen sich die Autoren förmlich mit den Lobeshymnen: Antibakteriell, antiviral, antifungal – ja, sogar AIDS und Ebola soll das gute Zeug heilen können! Klingt alles ziemlich reißerisch, wenn ihr mich fragt… .

Argyrie  oder “Wie verwandel ich mich in einen echten Schlumpf?”

 

Googelt man den Begriff „kolloidales Silber“ spukt die Suchmaschine direkt ein Bild vom menschlichen „Papa Schlumpf“ aus. Ich konnte mit dem Bild erstmal so rein gar nichts anfangen, da sich mir nicht erschließen wollte, was ein blauhäutiger alter Knacker mit silbernen Nanopartikeln zu tun hat. Diese und andere Bilder tauchten immer wieder bei meiner Recherche auf und irgendwann konnte ich sie einfach nicht mehr ignorieren.

Paul Karason – ein extremer Missbrauchsfall von kolloidalem Silberwasser?

Fakt ist, dass der menschliche Körper Silber zu 18% absorbiert und von allen Organen aufgenommen wird. Dabei nehmen die Verdauungsorgane – also Darm und Magen – die höchste Menge auf. Die Haut kann im Zuge dessen eine bläulich graue Verfärbung aufweisen, die man in der medizinischen Fachsprache als Argyrie bezeichnet. Überschüssiges Silber wird übrigens über den Urin und die Galle wieder ausgeschieden. (Quelle: Oral toxicity of silver ions, silver nanoparticles and colloidal Silver – A review)

Ich schätze, das erklärt den “außerirdischen” Teint des oben gezeigten Herrn. Wieviel kolloidales Silber der gute Mann eingenommen hat,  kann ich leider nicht sagen, aber glaubt man seinen eigenen Aussagen, so hat er sich das Zeug auch auf sein Gesicht geschmiert. Zusätzlich sollte man  an dieser Stelle noch erwähnen, dass er sein eigenes kolloidales Silber hergestellt hat und kein Kommerzprodukt benutzte. D.h. im Klartext, dass die genaue Konzentration der Silbernanopartikel, die er zu sich genommen hat, nicht bestimmbar ist. Das Beunruhigendste ist jedoch, dass die blaue Hautverfärbung nicht mehr rückgängig zu machen ist. Einmal blaue Haut, immer blaue Haut!

 

 

Was sagt die Wissenschaft zu kolloidalem Silber?

Jetzt wird’s interessant! Ich habe mich durch sämtliche Publikationen auf Google Scholar geschlagen und dabei darauf geachtet nur die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen (also keine Research Paper vor 2014) einzubeziehen.

1. Hemmung von Bakterienwachstum – zu einem hohen Preis!

Eine positive Wirkung von kolloidalem Silber wurde bei seiner Anwendung als Nasenspray verzeichnet: Patienten mit chronischen Nasennebenhöhlenentzündungen, die von widerstandsfähigen Staphylococcus aureus Bakterien verursacht wurden, erlebten eine drastische Besserung ihrer Symptome. Die Konzentration des erfolgreichsten Präparats lag hier bei 150 μL kolloidalem Silver verdünnt in sterilem Wasser. (Quelle: Colloidal Silver: a novel treatment for Staphylococcus aureus biofilms?)

Ein anderer wissenschaftlicher Artikel warnt jedoch vor der Langzeitverwendung solcher, mit Silber angereicherter Nasensprays, da bereits ein erster Fall von Argyrie im Nasenrachenraum (blaue Verfärbung der Schleimhaut) festgestellt wurde. (Quelle: Iatrogenic Rhinopharyngeal Isolated Argyria Induced Silver-Containing Nasal Drug).

Eine weitere Studie an Ratten, die zwei Mal täglich eine niedrige Dosis von kolloidalem Silber oral verabreicht bekamen, zeigte, dass sich sowohl Firmicutes phyla als auch Lactobacillus Bakterien in den Nagetieren zurückbildeten. Zusätzlich wurde die Darmflora positiv beeinträchtigt. (Quelle: Effects of subchronic exposure of silver nanoparticles on intestinal microbacteria and gut-associated immune responses in the ileum of Sprague-Dawley rats)

 2. Streit um kolloidales Silber: Die Wissenschaft ist sich nicht einig!

Ob die heutige Wissenschaft eine Einnahme oder Applikation von kolloidalem Silber befürwortet ist extrem schwer zu beantworten, da die Expertenmeinungen stark auseinander gehen. Auf der einen Seite werden die Risiken (d.h. Argyrie) durch die Silberabsorbierung zwar eingeräumt, auf der anderen Seite stark eingegrenzt. Laut einigen Experten sei die äußere und oberflächliche Anwendung von Nanosilberpräparaten unbedenklich, sowie die orale Einnahme nicht notwendig. Letztere würde schließlich zu einer Blaufärbung der Haut führen. Paradoxerweise wird noch angeführt, dass selbst wenn die Haut sich blau färben würde,  dies lediglich ein kosmetisches und kein gesundheitlich bedenkliches Problem sei. (Als ich dieses Statement las konnte ich nur ungläubig den Kopf schütteln! Ob Argyrie nun gesundheitsschädigend ist oder nicht – wer will denn schon bis ans Ende seiner Lebtage wie ein Schlumpf aussehen?!) (Quelle: The Mode of Action of Silver and Silver Halides Nanoparticles against Saccharomyces cerevisiae Cells)

Eine kritischere Sicht von möglichen Neben- und Wechselwirkungen nach der Verabreichung von kolloidalem Silber liefert Jose P. Sterling in seiner wissenschaftlichen Abhandlung. Sterling ist einer der wenigen Autoren, die darauf aufmerksam machen, dass eine ideale Darreichungsform von Silber zu medizinischen Zwecken gar nicht bekannt sei. Er erklärt, dass die meisten Studien sich nur auf Tierversuche beziehen und gar nicht geklärt sei, ob diesselben Ergebnisse auch bei menschlichen Probanden auszumachen wären. Seiner Meinung nach gäbe es ebensowenig eine Korrelation zwischen Silberanteilen im Blutserum, der Ansammlung des Schwermetalls in menschlichen Organen und den zytotoxischen Effekten. Er weißt darauf hin, dass es sehr unwahrscheinlich wäre, dass Mikroorganismen (z.B. Bakterien und Pilze) silberresistent werden könnten. Er schließt sich ebenfalls der Meinung an, dass Argyrie bei exzessiven oralen Einnahmen und konstanter berufsbedingter Aussetzung von kolloidalem Silber auftreten könne. Eine Blaufärbung der Haut aufgrund von oberflächlichen Applikationen hält er hingegen für unwahrscheinlich. Als Beweis dafür wirft er den Mangel an gemeldeten Argyrie-Fällen ein. (Quelle: Silver-resistance, allergy, and blue skin: Truth or urban legend?)

3. Die Zukunft von Nanotechnologie und “Silberwasser”

Eine allgemein anerkannte Ansicht, ob der Einsatz von Nanosilber im menschlichen Körper auf lange Sicht gesundheitsschädigend oder -förderlich ist, scheint es noch nicht zu geben. Dennoch wird derzeit aktiv an dem Einsatz, sowie der Darreichungsform und Dosis geforscht. Die biozide Aktivität von metallischen Nanopartikeln im Allgemeinen und Silbernanopartikeln im Besonderen ist abhängig von verschiedenen morphologischen und physikochemischen Eigenschaften der Partikel. Viele Interaktionen der Silbernanopartikel mit dem menschlichen Körper werden immernoch nicht vollkommen verstanden und sind folgerichtig nicht genau bekannt. Aus diesem Grund ist die Entwicklung von Nanopartikeln mit kontrollierten morphologischen und physikochemischen Eigenschaften für den Einsatz im menschlichen Körper immernoch ein aktives interdisziplinäres Forschungsgebiet. Der sichere Umgang in der Anwendung, dem Gebrauch, der Empfindlichkeit und Ablagerung im menschlichen Körper müssen noch im Detail erforscht werden, damit sichergestellt werden kann, dass die Fortschritte der Nanotechnologie real und verantwortlich für die solide und beständige Entwicklung sind.   (Quelle: Silver Nanoparticles: Therapeutical Uses, Toxicity, and Safety Issues)

 Love it or hate it? – I Say: “LEAVE IT!”

Die oben erwähnten wissenschaftlichen Studien zeigen, dass kolloidales Silber nachweislich positive medizinische Wirkungen hat. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es die Ausbreitung von Viren, Bakterien und Pilzinfektionen unterbindet und damit verbundene Symptome verbessert werden können.

Dennoch gilt Obacht, denn wen die Geschichte und Fotos von “Papa Schlumpf” noch nicht abgeschreckt haben, der wird wahrscheinlich auch nicht von meiner wissenschaftliche Zusammenfassung beeindruckt sein. Nichtsdestotrotz, möchte ich euch meine persönliche Meinung in wenigen Worten mitteilen: Leute, lasst die Finger von kolloidalem Silber, es ist schlichtweg zu riskant und zu wenig erforscht! Es handelt sich hier immernoch um Schwermetall!

Ihr müßt bei hartnäckigen Infektionen oder Entzündungen nicht gleich zu Antibiotika greifen, je nach indiviuellem Fall tut es auch Kurkuma (innere Anwendung) oder Emu Öl (äußere Anwendung). Zumindest haben diese beiden Naturheilmittel keine bekannten Neben- oder Wechselwirkungen. In jedem Fall solltet ihr IMMER zuerst mit einem Arzt sprechen, bevor ihr euch selber kurieren wollt!

 

 

 

9 KOMMENTARE

  1. Hallo, ein Kollodial besteht aus 2 Elementen in einem unterschiedlichen Aggregatzustand. Papa Schlumpf hat Leitungswasser verwendet. Die im Leitungswasser vorhandenen Stoffe führen zu Reaktionen mit dem Silber. Er hat also was auch immer getrunken aber kein kolloidales Silber. Es wird mal wieder der gleiche Begriff für völlig unterschiedliche Dinge verwendet. Wer seinen Arzt fragt muss davon ausgehen auf einem Interessenkonflikt zu treffen. Wenn man K S patentieren könnte würde man es in der Apotheke und beim Arzt bestimmt wärmsten empfohlen bekommen, für viel Geld natürlich.

    • Hi Ralf, interessanter Einwand! Wobei nicht klar ist, wie die chemische Analyse des Leitungswassers von Papa Schlumpf ausgesehen hätte. Von daher, schwierig! Ich habe allerdings kolloidale Silberpräparate in einigen Online Apotheken gesichtet. Zugegeben, diese waren “alternativ” angehaucht, aber sowas kann man schon kaufen. Im Endeffekt muss jeder selber wissen, ob er/sie ein Schwermetall auf die Haut zu applizieren bzw. oral einzunehmen. Hast du damit Erfahrungen gemacht?

  2. Warum geben Laien medizinische Ratschläge aus dem Gefühl heraus? Und ebenso Empfehlungen? Die meisten Menschen sind doch so oberflächlich gebildet heutzutage (ungebildet), daß solche Ratschläge für bare Münze genommen werden. Und die Intention kann doch nicht sein, auch wenn es gut gemeint ist, einem Menschen eventuell zu schaden.
    Oder mal so gesagt, es lohnt sich Biochemie zu studieren und Biologie und Physiologie und Medizin und dann mitzureden.
    liebe Grüße. Uwe

    • Nach 2 Jahre wirkungsloser schmerzhafter Behandlung von Warzen durch studierte Mediziner hat der 7 jährige Junge einer Bekannten nun mit der Behandlung durch kollodialem Silber bereits nach 4 Tagen fast alle Warzen verloren. Lediglich eine die sog. Mutterwarze ist noch zu sehen heilt aber auch ab. Das zum Thema Empfehlungen von Laien. Es gibt ein Buch. Immun durch kollodiales Silber von Hr. Pries. Lesen bildet. )))

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