Traditionelle chinesische Medizin und Allergien

Ein Interview mit Dr. Andreas Müller

0
1867
Traditionelle Chinesische Medizin
In der TCM werden Medikamenten natürlichen Ursprungs - aus Rinde, Blüten, Wurzeln etc. -verwendet // Quelle: Pangmen

Dieses Interview ist eine Herzensangelegenheit von mir, weil mich der Inhalt persönlich betrifft. Falls euch der Background hierzu interessiert, so werfe ich meine “5 Cent” ganz zum Schluss hinzu. Ich will euch erstmal lesen lassen, was ich zum Thema traditionelle chinesische Medizin im Allgemeinen (von nun an als “TCM” bezeichnet) und im Kontext zu Allergien herausgefunden habe.

F: Was macht die TCM aus deiner Sicht aus?

A: Also es hat nichts mit Tchibo zu tun ;-)! Viele Leute verwechseln es mit gerösteten Bohnen…. Es ist ein ganzheitliches Heilkundesystem und umfasst alle Bereiche des täglichen Lebens. TCM wird seit über 2000 Jahren in China praktiziert und verbreitete sich darüber hinaus auch in vielen anderen asiatischen Kulturen. Aus der Sicht eines TCM-Arztes erlebt der Mensch sich eingebunden zwischen Himmel und Erde. Die Lebensenergie Qi stammt aus dem Kosmos. Der Mensch nimmt diese Energie auf, sie durchströmt ihn, zirkuliert und wird durch die Füße an die Erde wieder abgeben. Aufgabe der TCM ist es, diesen Kraftfluss zu stärken und Störungen im Fluss der Energie zu beheben, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Zwei fundamentale Aspekte der chinesischen Philosophie sind die Begriffe Yin und Yang. Sie stehen für entgegengesetzte, aber in sich verbunde und aufeinander bezogene Kräfte. Das weiße Yang steht für den Tag, die Helligkeit, Männlichkeit, Aktivität, Hitze, Funktion etc. Das schwarze Yin steht für die Nacht, Dunkelheit, Ruhe, Kälte, Weiblichkeit, etc. Das Yang wächst aus dem Yin und umgekehrt. Beide Kräfte bedingen einander und können nicht ohne einander existieren. Yin und Yang gleichen sich dabei in ihrer Summe stets aus. Durch Stress, Fehlernährung oder mangelnde körperliche Bewegung kann es zu Störungen zwischen den Kräften des Yin und Yang kommen. Der Fluss der Lebensenergie Qi kann so außer Kontrolle geraten und das Individuum wird krank. Die Kunst des versierten TCM-Arztes liegt darin, diese Verhältnismäßigkeiten wie ein Detektiv richtig zu eruieren und eine geeignete Therapie einzuleiten

F: Wie wirkt sich der Energiefluss auf die Menschen aus?

A: Vorangestellt sollte noch erwähnt werden, dass gewissen Organen jeweils eins der fünf Elemente (also Feuer, Wasser, Holz, Metall oder Erde) zugeschrieben wird. Aus der Sicht der traditionellen chinesischen Philosophie, unterliegt der Energiefluss im Menschen einem bestimmten Zyklus. In diesem Zyklus, der früh morgens beginnt und nachts endet, durchläuft der Mensch alle fünf Zyklen hintereinander. Morgens, im Anfangsstadium des Zyklus, steigt die Energie von unten nach oben an und erreicht das erste Element Holz. Das Element Holz wird dem Organ Leber, welche die Energie bereitstellt, zugeordnet. Philosophisch betrachtet, wird aus Holz Feuer gemacht. Dem Element Feuer wird wiederum das Herz zugeschrieben. Mit Feuer wird traditionell Metall geschmiedet und Metall steht für die Lunge, die für die Körperabwehr zuständig ist. Das heiße Metall wird in kaltem Wasser abgekühlt, das von der Niere (reguliert den Wasserhaushalt) repräsentiert wird. Das verdampfende Wasser steigt nach oben, regnet ab und bewässert die Bäume (Holz). Und so geht der Kreislauf wieder von vorne los. Oft kann man den Menschen anhand der bloßen Körperhaltung, dem Klangcharakter der Stimme und dem allgemeinen Auftreten ansehen, ob er sich energetisch in einem Mangel- oder Füllezustand befinden. Es wird dabei zwischen vier verschiedenen Typen (Grundkonstitutionen) unterschieden – dem pulmonalen (Lunge), dem hepatischen (Leber), dem renalen (Niere) und dem kardialen( Herz) Typen. Den pulmonalen Typen (Lungentyp) kann man am besten mit der Gestalt einer trauernden Witwe aus den bekannten Wilhelm Busch Zeichnungen vergleichen, da sie eine charakteristische „Trauerhaltung“ vorweist. D.h. sie ist in einer gebeugten Körperhaltung mit gesenktem Haupt anzutreffen, was darauf hindeutet, dass sich das Qi bzw die Energie im Minus befindet und die Lunge sich nicht mehr adäquat entfaltet, bzw. die Atemexkursion verkleinert ist. Der Hepatiker (Lebertyp) hingegen bewegt sich in einer Haltung, die den Oberbauch und die Leberregion in den Fokus rückt („Bauch rein, Brust raus“). Dieser Typ neigt dazu ständig zu viel Energie bereit zu stellen, da seine Leber zu viel arbeitet. Den Hepatiker kann man sich als einen eher „bulligen“ Typen vorstellen. Der dritte Typ, der sogenannte – renale- Nierentyp fällt durch seine dünne, schlaksige Statur auf. Er gehört zu den Menschen, die alles sehr genau wissen wollen und von den Mitmenschen meist als „Streber“ bezeichnet werden. Dieser Typ hat oft ebenfalls zu wenig Energie. Zu guter Letzt gibt es noch den kardialen Typ, der gerne kollaptisch wird und seine Emotionen nach außen trägt. Dies zeigt sich sehr deutlich durch seine Gesten beim Sprechen. Der anzustrebende, optimale Typ, ist jedoch der Erdtyp. Er wird in der TCM als Bodhisattva beschrieben, der stets gut genährt und zufrieden ist und sich in einem ausgeglichener Gemütszustand befindet.

F: Man hört in Verbindung mit TCM öfters den Begriff Qi. Was bedeutet er genau?

A: Qi ist nicht so einfach im Deutschen zu erklären, da die Übersetzung des chinesischen Schriftzeichens kein eindeutiges Äquivalent in der deutschen Sprache besitzt. Unter dem Begriff Qi versteht man in der TCM Blut, Lymphe und Nerven. Dem medizinischen Verständnis nach verläuft Qi in sogenannten Leitbahnen durch den Körper. Das kann man sich am Beispiel einer Seekarte am besten verdeutlichen: es gibt sogenannte Meridiane, die den Körper durchziehen. Auf diesen Meridianen läuft das Qi und kann durch Akupunkturen beeinflusst werden. Diese Punkte haben verschieden Eigenschaften. Sie verhalten sich z.B. wie eine Schleuse. Durch die Stimulierung der Punkte, reguliert man den Fluss der Energie und dynamisiert ihn. Dabei unterscheidet man bei den Punkten auch nochmal genauer. So gibt es sogenannte Brunnenpunkte, Leitbahn verbindende Punkte aus denen Qi reguliert werden kann.

Quelle: Pangmen
Quelle: Pangmen

F: Wie läuft eine Untersuchung bei einem TCM-Arzt ab?

A: Der TCM-Arzt achtet bei der Untersuchung auf die natürlichen Bewegungsabläufe, die Körperhaltung und -sprache, sowie auf den melodischen Klang der Stimme seines Patienten. In der ersten Diagnose geht es vor allem darum sich ein umfassendes, ganzheitliches Bild von dem Patienten zu verschaffen. Dabei werden die Lebensumstände, Ernährungsgewohnheiten, Vorerkrankungen und viele andere Details erfragt. Mit Hilfe der Zungen- und Pulsdiagnostik, sowie der erhobenen Anamnese kann man sich dann einen ersten Überblick über den Gesundheitszustand machen. Vor allem geht es darum zu eruieren ob ein Mangel oder Füllezustand vorliegt. Des Weiteren zeigt sich, ob ein krank machender Einfluss sich noch an der Körperoberfläche befindet oder bereits tief ins Organ vorgedrungen ist. Yin und Yang spielen dabei, ebenso wie der Fluss des Qi, eine große Rolle.

F: Welche Diagnostikmethoden kennt die TCM?

A: Im Fokus steht die sogenannte Zungen- und Pulsdiagnostik. Die Zunge stellt topografisch alle Organsysteme dar: Die Zungenspitze repräsentiert das Herz, die Mitte der Zunge steht für Magen und Milz, die Zungenseiten für Leber und Gallenblase. Der hintere Teil der Zunge wird mit dem Dickdarm, der Niere und Blase assoziiert. Beispielsweise spricht eine geschwollene Zunge für Wassereinlagerungen und lilafarbene Venen unterhalb der Zunge deuten auf eine Blut-Stase (also eine Stagnation des Blutflusses) hin. Zusätzlich wird die Pulsdiagnostik angewendet. Es sind ungefähr 30 verschiedene Pulsqualitäten bekannt. Hierbei wird zwischen einem „leeren“ oder „vollen“ Puls unterschieden. Als hoch und kräftig wird ein „voller“ Puls verstanden. Für einen „leeren“ Puls hingegen ist eine schwache oder niedrige Pulswelle charakteristisch. Bei schwangeren Frauen wird der Puls oft als „schlüpfrig“ beschrieben, da dieser dem Arzt – durch Ödeme/Wassereinlagerungen verursacht- beim Pulsmessen buchstäblich unter den Fingern hindurch „entschlüpft“.

F: Welche Auffassung hat die TCM von Krankheiten?

A: Im Prinzip unterscheidet die TCM bei der Pathogenität zwischen einer Erkrankung, die entweder von außen oder innen stammt. In der TCM sind Infektionskrankheiten im Detail nicht so bekannt wie im Westen. Vielmehr spricht man davon, dass ein Einfluss von außen (der Umwelt) nach innen (menschlicher Körper) dringt. Demnach würde man eine – in der westlichen Medizin genannte- Infektionskrankheit, damit umschreiben, dass der Patient zu viel „Wind“ oder „Kälte“ abbekommen hat. Sehr vereinfacht bedeutet dies, dass Krankheiten im menschlichen Körper nur Fuß fassen können, wenn dieser geschwächt ist. Die konstitutionelle Schwäche wiederum basiert auf einem energetischen Ungleichgewicht von Yin und Yang.

F: Wie wird in der TCM geheilt? Worin liegt der Unterschied zur westlichen Heilkunst?

A: Durch die Stärkung des Mediums, damit sich der Körper selber heilen kann. In der westlichen Heilkunst wird nach dem Erreger – sozusagen der Nadel im Heuhaufen- gesucht. In der fernöstlichen Medizin fokussiert man sich auf die Stärkung des Nährbodens, da man der Auffassung ist, dass Krankheiten nur entstehen können, wenn der Nährboden geschwächt ist.

F: Welche therapeutischen Maßnahmen werden in der TCM angewendet?

A: Die TCM fußt auf 4 Säulen: der Akupunktur und Moxa (das Abbrennen von Kräutern, um Wärme in die körperlichen Leitbahnen zu lenken), der chinesische Ernährungslehre nach den 5 Elementen, Phytotherapie (Kräutertherapie), Qi Gong (Bewegungslehre) und Tuina (Massagetherapie). Wird also z.B. bei der Diagnostik ein Yin – Mangel eines Organs entdeckt, stärkt man es durch die Verordnung von Kräutern und Akupunktur, um den Qi-Fluss zu beeinflussen. In der chinesischen Phytotherapie werden übrigens Medikamente verschrieben, die nur in natürlicher Form – wie Blättern, Gräsern, Rinden etc. – dargereicht werden.

F: Sind allergische Reaktionen in der TCM bekannt? Wenn ja, wie werden Sie definiert?

A: Nein, sie werden nicht im Einzelnen definiert. Die Diagnostik beschränkt sich auf die einzelnen Organe, deren Energiefluss gesondert bestimmt wird. D.h. wenn man beispielsweise an einer Rhinopathie (z.B. durch Pollenflug verursacht/Heuschnupfen) leidet, bedeutet das in der TCM, dass die Abwehr geschwächt ist. Die Lunge ist in diesem Fall zu schwach und kann das Qi nicht mehr auf der Oberfläche verteilen. Hinzu kommt z.B.„chronischer Wind“, der die Nasenschleimhäute befällt. Die Lunge kann die Abwehrenergie nicht mehr herstellen und die Niere kann die Energie nicht mehr nach unten abfließen lassen.

F: Wie werden Allergien aus der Sicht der TCM verursacht?

A: Sie können durch eine angeborene Nierenschwäche verursacht werden, die auf ein sehr frühes Ereignis aus der Kindheit zurückzuführen ist, das sich beispielsweise noch im Mutterleib ereignet haben könnte. Allerdings werden die Allergien dann erst im jungen oder mittleren Alter durch sogenannte Allergene ausgelöst. Grund dafür ist, dass die Niere das sogenannte Ur-Qi speichert, es liegt eine konstitutionelle Nierenschwäche vor und dadurch funktioniert der Energiefluss nicht mehr so gut. Es ist wie ein Weinfass, das irgendwann überläuft.

F: Wie werden Allergien in der TCM behandelt?

A: Indem man die Lunge stärkt und ausleitet, den überschießenden Energiefluss reguliert und die Nieren stärkt. Dies erzielt man durch Akupunktur, Kräuter (individuelle Mischung je nach Patient), und Diätetik. So leiten beispielsweise Hirse, schwarze Bohnen und Spinat den Energiefluss nach unten, während scharfe Gewürze (wie Zimt) ihn nach oben schießen lassen. Ebenso wichtig ist eine allergiearme Umgebung. Wer also eine Pollenallergie hat, sollte versuchen möglichst nah am Meer zu leben. Diese Maßnahmen mildern in jedem Fall die allergischen Reaktionen ab.

Traditioneller chinesischer Kräutertee // Quelle: Pangmen
Traditioneller chinesischer Kräutertee // Quelle: Pangmen

F: In Naturkostläden werden diverse traditionell chinesische Mittelchen zum Verkauf angeboten. Darunter findet man auch diverse, sogenannten “Vitalpilze” (z.B.: den Reishi-Pilz), die u.a. zur Selbstbehandlung von Allergien, angeboten werden. Ist die Selbstbehandlung ratsam und wenn ja, Wie sollten Laien am besten vorgehen?

A: Reishi-Pilze sind eine wunderbare Nahrungsergänzung, weil sie eine positive Eigenschaft auf den Qi-Fluss haben. In ihnen steckt viel positive Energie, außerdem weisen sie eine anti-histamine Wirkung vor, die sich lungenstärkend auswirkt. Es sollte auf den Ursprung des Pilzes geachtet werden, die Quelle und die Marke sollten bekannt sein. Es ist ratsam nach Zertifikaten Ausschau zu halten, die auf den biologischen Anbau hinweisen. Nur so ist eine gute Qualität halbwegs gewährleistet.

F: Was muss bei der Einnahme solcher Mittelchen beachtet werden?

A: Unbedingt die Packungsbeilage bzw. Verzehrempfehlung beachten. Bei Zweifel immer zuerst den Hausarzt fragen. Es ist ebenfalls ratsam sich vorab im Internet darüber zu informieren, wie der Pilz verstoffwechselt wird (über die Leber oder über die Niere?). Wer absolut auf Nummer sicher gehen möchte, sollte ein Blutbild machen lassen und sich die Laborparameter ansehen. In der Regel werden Nahrungsergänzungmittel kontinuierlich über einen längeren Zeitraum eingenommen. Um die Wirkung besser beurteilen zu können, sollten die Nahrungsergänzungsmittel für mindestens ein bis zwei Monate eingenommen werden, der Patient sollte auch eine deskriptive Beurteilung vor und nach der Einnahme erstellen. Um möglichst klare Ergebnisse zu sehen, sollte darauf geachtet werden, dass die Begleitumstände konstant eingehalten werden.

Zusammenfassung:

TCM ist eine komplementäre Medizin, d.h. sie soll nicht alternativ verwendet werden, sondern begleitend zur Schulmedizin. Es ist wichtig eine fachkundige Person zu befragen, die entscheiden kann, ob man eher östlich oder westlich therapieren sollte. Es gibt viele Indikationen für Akupunktur, gerade in der akuten Schmerzbehandlung hat es sich als eine schnelle und nebenwirkungsarme Therapiemaßnahme bewährt. Im Grunde sollte man eigentlich alle Bereiche des Lebens optimieren, Risiken vermeiden, sich gesund ernähren, Sport treiben und einen positiven Lebensstil führen.

Zum Weiterlesen

 ****MEDIZINISCHER DISCLAIMER: Es wird keine Gewähr für die Richtigkeit des Inhalts genommen. Die zur Verfügung gestellten Informationen sind lediglich als eine Empfehlung zu betrachten und ersetzen keine ärztliche Konsultation, Diagnose oder Behandlung. Um sicher zu gehen, suche bitte einen fachkundigen Naturheilpraktiker oder Arzt auf. ****

Zur Person:

Dr. Andreas Müller hat Medizin an der Universität in Würzburg studiert und eine zweijährige Weiterbildung in traditioneller chinesischer Medizin in Heidelberg, der Schweiz und Korea absolviert. Heute ist er ein erfolgreicher junger Arzt in einem Würzburger Krankenhaus.

Abschließend möchte ich mich noch einmal bei Dr. Andreas Müller bedanken – für seine Geduld, das großzügig geteilte Know-how und die vielen hilfreichen Ratschläge. Vielen lieben Dank, ich weiß deine Unterstützung sehr zu schätzen. 🙂

Kurz zum Hintergrund, weshalb ich mich überhaupt dazu entschlossen hatte ein Interview zu führen: mir wurden vor nicht allzu langer Zeit mehrere heftige Allergien attestiert. Da ich einerseits ungerne synthtetische Medikamente schlucken möchte, aber andererseits meine Lebensqualität leidet, habe ich nach einer alternativen Lösung gesucht. Diverse Vital-Pilze habe ich mir bereits bestellt und werde dazu auch bestimmt noch einen Post verfassen. Abschließend hoffe ich, dass ihr meinen Artikel hilfreich fandet.

 

Leave a Reply